Am 8.Mai jährt sich zum 75.mal die Beendigung des 2.Weltkrieges und der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In Notzingen und Wellingen war mit dem Einmarsch der Amerikaner bereits am 20.April 1945 der Krieg vorbei.

Ende April 1945 – vor nun genau 75 Jahren wurde unsere engere Heimat noch Kriegsschauplatz. Mit dem Einmarsch am 20.April 1945 endete für unsere Gemeinde der 2.Weltkrieg. Für Kirchheim und Umgebung blieb aber die bange Frage, ob die deutsche Wehrmacht auf dem Albrand Widerstand leisten würde. Dies hätte für das Albvorland verheerende Folgen gehabt. Dettingen wurde z.B. am 20.April von amerikanischen Jagdbombern noch beschossen. Hierbei kam es zu 23 Toten und 69 Wohnhäuser sowie 39 Scheunen und Ställe wurden dabei zerstört. Die Gründe waren, daß noch deutsche Truppen in Dettingen waren bzw. Kolonnen in Richtung Alb fuhren.
Notzingen hatte hier viel Glück. Außer den beiden Häusern in der Rechbergstraße und der Wellinger Pumpstadion kam es zu keinen Beschädigungen und keine Bewohner sind beim Einmarsch umgekommen. Beim Einmarsch in Kirchheim wurden 54 Todesopfer beklagt.
In den Tagen nach dem 20.April wurden von amerikanischen Soldaten die umliegenden Wälder von Notzingen nach versprengten deutschen Soldaten durchgekämmt. Noch am 23.April leistete eine deutsche Einheit mit 300 Mann und vier Offizieren im Waldteil Köhler Widerstand und es kam dabei zu Schießereien. Deshalb wurde die Verdunklungs-Verordnung auch erst am 11.Mai aufgehoben.

Etwa 8 Tage nach dem Einmarsch lagen noch amerikanische Truppen im Quartier in unserem Dorf. Hierzu mussten Wohnungen und Häuser geräumt werden. In Kirchheim waren bis November 1945 fast 2.500 Mann untergebracht. Erst am 20.März 1946 sind die letzten amerikanischen Truppenteile aus Kirchheim abgezogen.
Das Wasser wurde in Notzingen abgestellt und im Ortsteil Wellingen war die Wasserversorgung wegen Beschießung der Pumpstadion im Köhler ausgefallen. Wegen des Ausgangsverbotes und der Anwesenheit der amerikanischen Truppen wagte man sich kaum aus dem Haus. Nachdem aber Wasser notwendig ist, riskierte man mit viel Angst den Weg durch die Straßen zum Brunnen. In Wellingen musste das Wasser teilweise vom Kalten Brunnen, weit außerhalb des Ortes, geholt werden.

Am 22.April wurde jedes Haus nach Waffen und Munition durchsucht. Diese musste abgegeben werden, ebenso Foto- und Radioapparate sowie Ferngläser.
Am 24.April fuhr ein amerikanischer Militär-Jeep durch die Straßen und der mitfahrende Notzinger Amtsbote mußte ausrufen, daß alle Bewohner zwischen Abends 19.00 Uhr und Morgends 6.00 Uhr ihre Wohnungen nicht mehr verlassen dürfen. (Ausgangsperre)
Bei Nacht legten sich die Bewohner mit Kleidern ins Bett, denn man hatte immer Angst, daß etwas passieren würde oder man das Haus oder den Ort verlassen muss.
Mit der Zeit wurden die Menschen mutiger und getrauten sich wieder aus der Haustüre hinaus. Die Ausgangsperre wurde problematisch als am 29.Oktober 1945 ein Dachstockbrand im Haus von Eugen Klein ausgebrochen war. Das Feuer konnte aber gelöscht werden.

Aus Schüler-Aufsätzen können wir z.B. lesen: „Wir Kinder bekamen von den Amerikaner
auch hie und da einmal eine Schokoladentafel. Wir wussten gar nicht mehr wie das schmeckt! Als ich einmal an einem Lastauto vorbeiging, ließ mir ein Amerikaner ein großes Stück Kernseife herausfallen. Sehr erfreut darüber hob ich es auf und lief strahlend nach Hause“ Eine andere Schülerin ergänzt: „Fast acht Tage lang zog amerikanisches Militär durch unser Dorf. Nachdem der Durchmarsch beendet war, fuhren täglich große, mit Holz beladene Lastwagen mit Soldaten als Wache und Gefangenen als Arbeiter an unserem Haus vorbei. Wir warfen den Gefangenen immer kleine Päckchen mit Dörrobst und anderem zu, nach denen sie gierig griffen. Beim nächsten Vorbeifahren warfen sie leere Schachteln herunter, auf denen und in welchen Danksagungen und Bitten zu lesen waren.“

Die ersten Maßnahmen der Besatzungsmacht war die Proklamation Nr. 1
Hierbei ging es den Amerikanern darum, so rasch wie möglich ihre Position im besetzten Gebiet zu sichern und die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Sie wollten dabei nicht als Unterdrücker, wohl aber als Sieger verstanden werden. Ziel war die völlige und sofortige Zerschlagung des Naziregimes und all seiner Organisationen. Insgesamt trat an die Stelle des Hitler-Regimes ab sofort in allen Belangen die amerikanische Militärregierung.
Das öffentliche Leben normalisierte sich nach einiger Zeit der Unsicherheit dann Stück für Stück. Der Kindergarten in Notzingen wurde bereits am 4.Juni 1945 eröffnet. In Wellingen erst im Mai 1946 Die Trägerschaft ging für beide Kindergärten auf die örtliche evangelische Kirche und die Gemeinde über. Von 1934 bis Kriegsende war es der NSV (National-Sozialistische Volkswohlfahrt, eine Unterorganisation der NSDAP)

Die Schulen öffneten ab dem 1.Oktober 1945 wieder. Sämtliche Lehrer, die in der NSDAP oder ihrer Unterorganisationen waren, wurden außer Dienst genommen. Um den Schulbetrieb wieder aufnehmen zu können wurden sogenannte Schulhelfer eingestellt die Ihre Lehrerausbildung nachzuholen hatten.
Am 16.Juni 1945 konnte der Teckbote als Lokalzeitung, wenn auch in extrem eingeschränkter Form, wieder erscheinen. Am 11.11.1945 eröffnete mit den „Teck-Lichtspielen“ das erste Kino in Kirchheim wieder.

Der Notzinger Schultheiß (Bürgermeister) Albert Grözinger wurde noch im Mai 1945 von der Militärregierung seines Amtes enthoben.(Amtszeit 1917 - 1945) Als kommissarischer Bürgermeister wurde der örtliche Bauer David Reick eingesetzt. Am 23.Juli 1945 übernimmt dann der in Kirchheim wohnhafte Bürgermeister a.D. Karl Lang die Bürgermeisteraufgabe bis zum 15.März 1947.

Mit der „Botschaft vom 6.August 1945“ gab General Eisenhower den Deutschen offiziell grünes Licht politisch an einem neuen Staatsaufbau nach demokratischen Grundsätzen mitzuwirken. Auch in Notzingen wurde dies dann umgesetzt. Am 27.Januar 1946 wurde erstmalig wieder ein neues Gemeinderats-Gremium gewählt. Die demokratischen Strukturen in unserer Gemeinde wurden, mit der Einsetzung des von den Bürgern gewählten Hans Roller zum Bürgermeister im März 1947, vervollständigt.
So endete die zwölfjährige Nationalsozialistische Herrschaft mit Ihrem Unrechtsystem und über die „Stunde Null“ ging es zur Rückkehr zu demokratischen Strukturen.

Notzingen und Wellingen hatte am Kriegsende 66 gefallene und 26 vermisste Soldaten zu verzeichnen. Bei einer Einwohnerzahl, im Mai 1939 von 1.130 Einwohner, war fast jede Familie betroffen. Dazu kommen, nur eine Generation vorher im 1.Weltkrieg 1914 - 1918, weitere 35 Gefallene und 3 Vermisste dazu.

Mit diesen Veröffentlichungen wollen wir keine Schuldgefühle vererben sondern aus der Geschichte die Erfahrung ableiten, daß es wichtig ist,Verantwortung für Demokratie, Frieden und Freiheit zu übernehmen. Deshalb, „Wehret immer den Anfängen“ und „Wer seine Zukunft sucht muß seine Vergangenheit kennen“.

Quellen: Notzinger Heimatbuch, Buch der Stadt Kirchheim „60 Jahre Kriegsende“, Beiträge zur Heimatkunde des Teckboten, Sammlung Ursula Eberbach, Sammlung Alfred Bidlingmaier

Fast jede Familie in Notzingen und Wellingen hatte im 2.Weltkrieg Gefallene oder Vermisste zu beklagen.

Nationalsozialistische Maifeier in Notzingen mit Tanz um den Maibaum. Historische Aufnahme von Ende der 1930er Jahre. Vor dem damaligen Gasthaus Hirsch, Kreuzung Hochdorfer Straße / Ötlinger Straße. Fotograf unbekannt.

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